Auf harte Politik folgt lustige Pupsnummer

- Ein Kaffee mit aufgeschäumter Milch muss sein: Egal ob beim Sonntagsfrühstück oder bei anderen wichtigen Terminen. Fotos: Matthias Hübner
Michael Mittermeier tourt erfolgreich durch Deutschland und die englischsprachige Welt
Von Matthias Hübner
Berlin. Ich hätte ihn beinahe nicht erkannt! Aber was hatte ich mir vorgestellt? Dass er mir auf die Schulter klopft, eine Grimasse zieht und gleich zu Beginn einen umwerfenden Gag reißt?
Nein, Michael Mittermeier, einer der erfolgreichsten deutschen Comedians kommt in Jeans, Sweatshirt und Brille eher unauffällig, seriös, sportlich und beinahe ernsthaft daher. Wir haben uns im Kudammkarree verabredet, und er lässt sich einen Kaffee mit aufgeschäumter Milch bringen. „Wie immer man es heutzutage nennt: Cappuccino, Latte Macchiato oder Milchkaffee. Egal ob zum Sonntagsfrühstück oder unterwegs bei den Terminen: Es muss immer ein Kaffee sein mit aufgeschäumter Milch! In welcher Zusammenstellung dann auch immer!“, erzählt mir der 45-jährige Komiker, der mit der Sängerin Gudrun Allwang (bekannt als Sommersault) verheiratet ist und mit ihr eine knapp vierjährige Tochter hat. Der gebürtige Dorfener, der in München wohnt und zur Zeit mit seinem erfolgreichen Programm „Achtung Baby!“ unterwegs ist, skizziert einen typischen Sonntagmorgen bei den Mittermeiers: Der beginnt so gegen 7.30 Uhr. Dann wird es aber noch nichts mit dem Sonntagsfrühstück, höchstens eben etwas mit dem schon erwähnten Cappuccino, denn die Kleine will nur ihren Joghurt mit Müsli. Dann geht es ins Wohnzimmer spielen. Es wird Musik gehört, oder die Eltern, die übrigens seit 21 Jahren zusammenleben, lesen. Aber so gegen 11 oder 12 Uhr herum wird dann richtig gefrühstückt. „Kannst ja zum Kind schlecht sagen: Du kriegst erst mal nix die nächsten drei Stunden, weil es den Eltern zu früh ist“, witzelt er in seiner bekannt schnoddrigen Art.
Aber das Sonntagsfrühstück ist Michael Mittermeier wichtig. An mindestens 50 Sonntagen im Jahr ist er zu Hause, erzählt er. „Früher musste ich immer am Wochenende auf die Bühne. Aber seitdem ich die Auftritte selbst bestimmen kann, halt ich mir den Sonntag frei!“ Jahrelang hatte Michael Mittermeier auf der Bühne Späße über junge Eltern gemacht. Jetzt aber als Vater, reflektiert der studierte Politologe und Amerikanist in seinem Buch, auf der CD und seiner neuen DVD, wie seine Tochter sein Leben verändert und worüber er jetzt lacht. Seine Show erzählt von der Zeit „davor“, als Eltern noch die Anderen sind – bemitleidenswerte Wesen, die mit müden Augen und Breiflecken auf der Hose beteuern, dass sie sich auf den Urlaub im Kinderhotel freuen. Und die sich nur für eins interessieren: „Und wann ist es bei euch soweit?“ Die Schwangerschaft dann wirft für Männer natürlich Fragen auf: „Warum darf man schwangeren Frauen nie widersprechen? Woher kommt das fremde Wesen, das nachts den Kühlschrank plündert? Und: Kann man Hebammen trauen, die keinen Spaß verstehen?“ Aber der eigentliche Wahnsinn beginnt nach der Geburt. Denn jetzt dreht sich alles nur noch um das Baby („Guck mal, es bewegt den Daumen!“).
Michael Mittermeier übersetzt die Direktheit seiner Live-Programme und die Absurdität seiner Bilder in eine Sprache, in der man ihn gestenreich erzählend vor sich sieht. Doch Vorsicht! Dem Comedian geht es nicht nur um das Thema Baby. Geschickt verwebt er auch politische Themen außerhalb des Kleinstkindalltags.

- Die Gestik spielt im Leben des Comedians national wie international eine besondere Rolle.
„Auf knallharte Politik folgen bei mir lustige Pupsnummern“, erklärt er seine komödiantische Bandbreite. Da ist man eben noch bei Windeln, dann bei der Atomkraft und schließlich in Fukushima. Oder gerade noch auf dem Kinderspielplatz, plötzlich im Krieg in Afghanistan. Doch im nächsten Moment erfährt man, dass sich der sportliche Entertainer, dessen Fitnessstudio die Bühne ist, beim Ansehen der Vampirsaga „Twilight“ so langweilte, dass er sich am Ende selbst beißen musste. Oder dass er als kleiner Junge oft hörte: „Der Russ‘ kommt!“ Dieser war also quasi die „Al-Kaida seiner Kindheit. Heute kommt er nicht mehr, nur noch zum Skifahren!“.
Diese, seine Kindheit, verbrachte Michael Mittermeier in Oberbayern. Nach dem Abitur im Klostergymnasium in Gars studierte er an der Uni in München und schrieb 1994 seine Magisterarbeit über das Thema „Amerikanische Stand-up-Comedy“. Diesem Thema ist er bis heute treu geblieben. „Ich brauche eine neue Herausforderung. Deshalb spiele ich in letzter Zeit verstärkt auf englischsprachigen Bühnen. Da geht es vom Nullpunkt los. Keiner kennt dich!“ So trat er im Herbst 2011 als erster deutscher Komiker beim größten Comedyfestival der Welt auf, beim seit 28 Jahren im kanadischen Montreal veranstalteten „Just for Laughs“. Dort präsentierte er erfolgreich Auszüge aus seinem aktuellen Bühnenprogramm. Auch produzierte er seine erste Fernsehsendung in Kanada. Und welche Gags werden dort abgefeuert? „Sie handeln von Kanada, auch vom Spiel mit den Klischees und die spezielle deutsche Sicht“, erklärt Michael Mittermeier, „aber natürlich gehen die Nummern über Mann und Frau oder Ehe überall auf der Welt!“ Hier in Deutschland hat er in seinem Beruf alles erreicht, obwohl er das anfänglich noch gar nicht wusste, das mit seiner Profession. Erst als der eingefleischte Fan von U2 bei einem Konzert in der Olympia-Halle in München vor knapp 25 Jahren von seinem Idol Bono zufällig zum Gitarrenspielen auf die Bühne gebeten wurde, erkannte Michael Mittermeier, dass er in jedem Fall als Bühnenkünstler arbeiten wolle. Später erreichte er mit seinen Programmen „Zapped“, „Paranoid“ und „Safari“ ein Millionen-Publikum.
Natürlich geht der eng mit dem Berliner „Quatsch Comedy Club“ verbandelte und mit Thomas Hermanns befreundete Comedian auch bei seinem aktuellen Programm auf regionale Besonderheiten ein. Der Bayer erzählt von einem seiner ersten Auftritte Anfang der Neunziger im Osten. „Während ich auch sonst immer in meinen Programmen nach der Pause mein Publikum fragte: Seid‘s bereit! und dies im Westen eher verhalten bejaht wurde, ging nach der Frage im Osten der Punk ab! ‚Immer bereit‘ wurde da zurück gebrüllt, und ich ließ mir das dann vom Veranstalter mal erklären.“ Dies ist bis heute bei ihm ein Running Gag im Osten.
Doch der begeisterte Single-Malt-Sammler ist nicht nur ein erfolgreicher Comedian, der insbesondere die komischen Seiten des Beziehungsalltags widerspiegelt. Der studierte Politologe nutzt seine Popularität, um international auf Missstände aufmerksam zu machen und Politiker an ihren Worten zu messen. Auch darin ist er bis heute seinem Idol Bono nahe, der gemeinsam mit Bob Geldof auf höchster Ebene Regierungen an ihre Hilfszusagen für die ärmsten Länder der Welt erinnert und dazu die entwicklungspolitische Organisation ONE gründete, die auch von Michael Mittermeier unterstützt wird. Einer seiner konkreten Projekte war der Dokumentarfilm „The Prison Where I Live“ aus dem Oktober 2010, in dem dokumentiert wird, wie der deutsche Comedian nach Burma reist, um mit dem inhaftierten Comedian Zarganar zu sprechen, der jetzt frei gelassen wurde.
Was regt ihn noch auf? „Lügen nerven mich. Wenn man mich für blöd verkaufen möchte, so wie es der Guttenberg versuchte. Wenn der dann erzählt, dass er 102 Mal nicht gemerkt hat, abgeschrieben zu haben!“ Die Zeit ist um, die Kaffeetasse leer. Zuletzt noch die klassische Frage: Was ist Kabarett, was Comedy? „Deutschland ist das einzige Land auf der Welt, das einen Unterschied macht!“, erklärt der Profi. „Doch die Unterscheidung ist Bullshit. Auch Dieter Hildebrandt ist ein Comedian! Denn der Kabarettist ohne Lacher hat auch keine Zuschauer. Es geht darum, ob man lustig ist oder nicht. Ob man Leute unterhalten kann oder nicht.“ Michael Mittermeier jedenfalls kann das exzellent!




