Die Rocker-Rente muss warten

Nach dem Interview im Verlag Neues Leben: Dieter Birr rührt die Werbetrommel für seine Autobiografie „Maschine“. Foto: Jens Rümmler

Puhdys-Frontmann Dieter Birr legt sich zum 70. Geburtstag mit Buch und Solo-CD wieder richtig ins Zeug

Von Jens Rümmler  

Berlin. In der einen Hand das Handy, in der anderen drei dicke Schmöker: So schlendert der 1,92-Meter-Hüne Dieter Birr lässig übern Spittelmarkt. Den Puhdys-Sänger darf man wohl getrost zu den bekanntesten Gesichtern des Ostens zählen. Kein Wunder, dass sich unweit des Spreeufers viele nach ihm umdrehen. Der erste Autogrammwunsch lässt nicht lange auf sich warten. Für den Vollblut-Musiker, der einen kurzen Draht zu seinen Fans hat, ist das überhaupt kein Problem. Geduldig kritzelt er sein Signet auf Zettelchen und Bücher.
Apropos Buch. Seine Gedanken kreisen schon seit Monaten um die Lektüre, die er gerade vom Verlag Neues Leben zum Auto schleppt. Es ist Birrs eigene Autobiografie, die jetzt erschien. Das druckfrische Werk mit dem Titel „Maschine“ ist so begehrt, dass der Sänger etliche Bekannte sicherheitshalber gleich persönlich damit versorgt.
Seit fast 45 Jahren ist Dieter Birr Kopf der populärsten Ostband Puhdys. Auf sein Konto gehen über 250 Kompositionen. Darunter sind Hits wie „Das Buch“, „Hey John“ oder „Die Boote der Jugend“. CDs und LPs verkauften sich millionenfach. Birrs Eisbären-Song spielen Radiostationen und DJs auf der ganzen Welt. Musiker-Kollege Arnold Fritsch bezeichnete den Wahl-Brandenburger mal als „einzigen echten Rocker des Ostens“. Dem ist wohl nicht viel hinzuzufügen.
Birr, den Fans und Kollegen wegen seiner Bühnen-Präsenz nur „Maschine“ nennen, besang schon vor 30 Jahren die „Rockerrente“. Die bezieht er mittlerweile wirklich. „Ans Aufhören denk‘ ich aber nicht. Rockmusik ist für mich nicht nur Leidenschaft, sie ist mein Leben!“ Das sagt einer, der gerade 70. Geburtstag feierte. „Eigentlich fühl‘ ich mich gar nicht so. Wahrscheinlich stimmt was mit der Geburtsurkunde nicht“, witzelt Birr. Der lässt jetzt wieder Taten sprechen. Denn auf seiner soeben erschienenen Solo-CD mit dem Titel „Maschine“ läuft die Ikone des Deutschrock zu Hochform auf. Der Sänger arrangierte u.a. einige Lieblings-Puhdys-Hits völlig neu. Birr singt dazu viel zurückhaltender als gewohnt, was den Songs noch mehr Tiefe gibt. Das Album punktet aber auch mit Gastmusikern, wie Jule Neigel, Uwe Hassbecker (Silly) und Wolfgang Niedecken (BAP).
Wie Dieter Birr seit Jahrzehnten die Form hält, wie er privat lebt und was er noch vorhat, verrät der Neuenhagener in seiner Autobiografie „Maschine“. Persönlich wie nie gibt er Auskunft über eines seiner ersten Konzerte in Storkow, die Liebe seines Lebens Sylvia, seine schwere Borreliose-Krankheit und über seinen „Lebensfreund“ Fritz Puppel (City). Dabei geht’s im reich bebilderten Buch nicht streng chronologisch zu, sondern „frei Schnauze“, wie es sich für einen Rocker gehört. Co-Autor ist Musikexperte Wolfgang Martin, ein gebürtiger Luckenwalder.
Was selbst Freunden und Künstler-Kollegen schleierhaft ist: Wie Dieter Birr Tourneen, Studio-Produktionen, Komponieren und Familie unter einen Hut bekommt. Maschines einfache Antwort: „Alles ist nur eine Frage der Planung.“ Ein ausgiebiges Morgenmahl sei für ihn aber genauso entscheidend. „Mit einem guten Frühstück in den Tag zu starten, ist sehr wichtig für mich. Auch mal deftig – gleich mit Käse, Wurst und Eiern.“ Manchmal schmiert er sich aber auch nur Marmeladenbrote. „Das kommt immer auf den Appetit an – und manchmal auf die Zeit, die man morgens hat oder eben nicht.“ Ansonsten vertilgt der Ober-Puhdy gern knusprige Pizza oder Schnitzel – am liebsten mit Sauce Bérnaise, aber ohne Gemüse. „Wegen möglicher Vitaminvergiftung“, so der Rocker im Scherz. In diesem Zusammenhang ist wichtig zu wissen: Eigentlich stammt Birrs Spitzname von „Fressmaschine“. Band-Mitstreiter Peter Meyer fand schon in den 70er Jahren: „Er frisst für drei! Ne richtige Fressmaschine.“ Bleibt sonntags nach dem Frühstück Zeit, schmökert der Neuenhagener auch gern im Märkischen Sonntag. „Letztens stand Klaus Scharfschwerdt drin, unser Puhdys-Schlagzeuger.“
Apropos Neuenhagen: Wie lebt es sich denn als Rockstar auf dem Lande? „Ganz normal. Ich muss mich nicht tarnen. Mich kennen doch hier alle im Ort“, erklärt der Hit-Lieferant, der 1944 im heute polnischen Koszalin (Köslin) geboren wurde. Der Gang zum Bäcker, die Tour zur Tanke oder Fans mit Autogrammwunsch: „Das läuft hier ganz entspannt. Ich bin so wie ich bin, muss mich nicht verstellen.“ Einmal in der Woche geht’s mit seinem besten Freund, dem City-Gitarristen Fritz Puppel, zum Lieblingsitaliener nach Schöneiche. Beide kennen sich seit dem 16. Lebensjahr, spielten lange bei den Lunics. „Hätte uns die Armeezeit nicht getrennt, würden wir vielleicht heute noch in einer Band Musik machen.“ Vielleicht wäre dann „Maschine“ heute nicht der Puhdys-, sondern der große Lunics-Star. „Das ist gut möglich“, schmunzelt der gelernte Universalschleifer Dieter Birr. Seinen erlernten Job schmiss er übrigens, als Fritz Puppel eines Tages gut ausgeschlafen in der Werkzeugfabrik Treptow aufkreuzte und verkündete, er habe gekündigt und mache jetzt nur noch Musik. „Das fand ich so geil“, wirkt „Maschine“ von Puppels Kündigung noch heute begeistert. Schließlich macht er es ihm nach, studierte später aber Tanzmusik und Gitarre an der Musikschule Friedrichshain.

„Maschine“ in Aktion Anfang der 80er Jahre. Foto: B. Kubik

Zu Dieter Birrs liebsten Hobbys zählt das Fahrradfahren. „Allerdings nicht ganz freiwillig. Ich fing damit nach der Borreliose-Krankheit an. Erst auf dem Hometrainer, dann draußen.“ Ärzte rieten zu mehr Pausen. Zum ersten Mal hörte Birr von Medizinern: Auch positiver Stress ist Stress und damit schädlich. „Natürlich hab‘ ich das jetzt kapiert. Aber in der künstlerischen Arbeit ist es oft schwierig, mal auszusetzen. Oft schwirren mir Sachen im Kopf herum: fehlende Textzeilen oder Strophen, die noch nicht perfekt sind.“ Dabei überrascht Maschine im Buch mit der Auskunft: „Ich bin von Natur aus eher faul.“
Dann kommt der zweifache Vater und Opa noch mal auf sein Velo zu sprechen. Selbstverständlich höre er während der Touren Musik. Birr hat den eigenen Worten nach um die 6000 Titel im iPod. „Die hör ich auf dem Rad, aber ohne Kopfhörer. Ich will ja auch was von den Naturgeräuschen mitkriegen“, betont der Barde. Man stelle sich „Maschine“ bildlich auf dem „rockenden Rad“ am östlichen Berliner Stadtrand vor. Da passt, was Jana Große (Sängerin von „Bell, Book & Candle“) im Buch über die Rocklegende schreibt: „Ich mag es gern, dass er einfach ein bisschen durchgeballert ist (…) Er war schon immer sehr speziell, aber auch sehr liebevoll, warmherzig und großzügig.“
Ähnlich ist es beim Interview im Berliner Verlag Neues Leben. Als Dieter Birr von Journalisten gefragt wird, ob sie ihn nun duzen oder siezen sollen, sagt er aus Jux: „Sagt doch einfach Herr Maschine.“ Locker und fit wie eh und je erleben ihn Reporter und Fans auch bei der offiziellen Buch-Präsentation ein paar Tage später. Bei dem Rummel würde manch 30-Jähriger schlapp machen. Birr dagegen lehnt locker am Regal und nippt am Wasser. Andere wären bei dem Erfolg längst abgehoben. „Maschine“ blieb immer auf dem Teppich. Was ihn erdet? Laut Birr vor allem seine Familie und die „Frau seines Lebens“ Sylvia, die er 1979 in Neubrandenburg kennenlernte und kurz darauf heiratete.
Was gab‘s noch zu berichten von Ostdeutschlands bestens laufender Rock-Maschine? Birr ist Skat-Fan, liebt Currywurst und Lederjacken-Geschäfte. Mit Fußball hat er dagegen nicht soviel am Hut. „Da fehlt mir irgendwie der Bezug“, sagt die Rockröhre. Wenn früher in Berlin-Baumschulenweg, wo Dieter Birr aufwuchs, hinterm Haus geknödelt wurde, wählten ihn die Kumpels immer als letzten in die Mannschaft. Dafür spielte Klein-Dieter schon als Kind auf dem Akkordeon „Hänschenklein“. Wie die Karriere später richtig in Fahrt kam, ist auf 256 Seiten der Autobiografie nachzulesen. Hier kommen auch etliche Freunde, Musiker und Weggefährten zu Wort. Was auffällt: Ein Puhdy ist nicht darunter. Das Verhältnis zu seinen Band-Kollegen bezeichnet Birr auf Nachfrage als „kollegial freundschaftlich“. Im kommenden Jahr sollen sich die Wege der fünf Rockmusiker trennen. Das Management bestätigt: Die Konzert-Saison 2014/15 soll die letzte werden. Ob das wirklich das allerletzte Wort ist, scheint aber noch fraglich.
Am Ende des Buches schreibt Musik-Manager Peter Schimmelpfennig, was Fans schon lange ahnen: „Wärst Du in Manchester, London oder Liverpool als englischer Knabe auf die Welt gekommen (…), du wärst so berühmt wie Mick Jagger!“ Wie schade fürs internationale Publikum. Wie schön für alle Ostrock-Fans mit eigenem Idol. Das geht nun nach 50 Bühnen- und 70 Lebensjahren noch einmal in die Vollen. Die „Maschine“ läuft noch immer wie geschmiert. Von wegen Rockerrente.



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