Ein künstlerisches Organisationsgenie

Schlüpft in viele Rollen – Dominique Horwitz brilliert als Sänger ebenso wie als Schauspieler und Theaterregisseur. Fotos: Bernd Röseler

Schauspieler Dominique Horwitz hat viele Talente – und bringt sie alle unter einen Hut

Von Bernd Röseler
Berlin. Vielen Künstlern wird nachgesagt, sie seien chaotisch strukturiert, von Stimmungsschwankungen beeinflusst und hätten mit Organisationsfragen, Planung oder gar kaufmännischen Belangen wenig am Hut. Auf Dominique Horwitz treffen all diese Klischees nicht zu. Sein Motto zur Lebensbewältigung lautet: Es ist alles eine Frage der Organisation. Und nach diesem Motto lebt er auch – als Künstler ebenso wie als Privatmensch.

Als wir uns zum Sonntagsfrühstück verabreden, macht der gebürtige Pariser, der vor wenigen Tagen seinen 55. Geburtstag feierte, eine genaue Zeitvorgabe: 15.30 Uhr im Foyer des TIPI am Kanzleramt. Horwitz gibt an diesem Tag Einzelinterviews am laufenden Band. Er will seinen Brel-Abend ins Gespräch bringen, der bis vor kurzem in dem Theaterzelt in der Berliner City zu erleben war. Trotz der dicht gedrängten Termine kommt bei dem Künstler keine Hektik auf. Eben noch bringt er am Mikrofon den Brel-Klassiker „Le cheval“ zu Gehör, dann stellt er sich für die Fotografen in Position und beantwortet schließlich Reporterfragen.

Ein nervender Tag? „Nein, das ist Alltag; Künstleralltag“, meint der schlanke Mann und nippt an seinem Glas Wasser. „Alles eine Frage der Organisation eben. Ich bin halt fleißig, aber mein Leben ist weniger stressig, als manch Außenstehende meinen.“ Horwitz steht im Berliner TIPI mit Brel auf der Bühne, inszeniert in Erfurt Mozarts „Freischütz“ und ist inzwischen schon wieder in Hamburg zu den Vorproben für ein Stück mit dem Titel „Ein Pfund Fleisch“ – einer Paraphrase auf Shakespeares Kaufmann von Venedig“. Das alles innerhalb weniger Wochen.

Und dann gibt es da auch noch den Privatmann Dominique Horwitz, der nach seiner ersten Ehe mit der Schwarzwälderin Patricia – ihr entstammen die inzwischen erwachsenen Kinder Miriam und Laszlo – in Thüringen eine neue Liebe gefunden hat. Mit seiner Frau Anna – sie ist Chefin des Weimarer Restaurants „Anno 1900“ – und den Kindern Mick und Marlene lebt Horwitz im Umfeld der Goethestadt. „Thüringen ist inzwischen für mich zur Heimat geworden“, erzählt das Multitalent. So oft es geht, sei er dort zu finden. „Meine Frau und ich sehen uns – trotz aller beruflichen Belastungen viel öfter, als es den Anschein hat“, meint Horwitz. „Und seien es mitunter nur ein oder zwei Tage, die ich am Stück zu Hause bin. Ich genieße die Zeit, lebe sie sehr intensiv.“ Dieses intensive Leben, das den-Augenblick-genießen-Können, erklärt sich aus der Vita des Künstlers. Dominique Horwitz wurde am 23. April 1957 in Paris geboren. Seine jüdischen Eltern waren vor dem NS-Regime nach Frankreich geflüchtet. Dominiques Vater betrieb im Nordwesten der Seine-Metropole ein Einzelhandelsgeschäft, einen „Tante Emma-Laden“ auf französisch, wie er es selbst beschreibt. Der kleine Dominique genoss dieses Leben, das immer quirlig war und von vielen Menschen geprägt. Als er 13 war, trafen seine Eltern eine einschneidende Entscheidung: Sie beschlossen, nach Deutschland zurückzukehren. Aus der Sicht des Jungen mag das geteilte Berlin nicht unbedingt das attraktivste Umfeld für jüdische Heimkehrer aus dem Exil gewesen sein. Doch bei den Eltern überwog das Heimweh, das Gefühl: Da gehören wir hin.

Probleme mit der Entscheidung der Alten hatte der junge Franzose nicht, obwohl es in eine für ihn völlig neue, fremde Welt ging. Am Deutsch-Französischen Gymnasium in Berlin bestand er sein Abitur und wollte eigentlich Einzelhandelskaufmann werden. Wie sein Vater. „Das Kaufmännische hat mich immer fasziniert“, erzählt Horwitz. Ein ungewöhnlicher Satz für einen Künstler. „Das Spannende daran ist doch nicht das Geld oder das Geschäft, sondern dass man etwas macht. Mann verkauft eine Ware, man präsentiert ein Programm auf der Bühne. So gesehen gibt es für mich da keine Gegensätze.“ Die spätere Gründung der „Horwitz & Hautmann Entertainment GmbH“ zusammen mit seinem Partner Christoph Hauptmann war für den jungen Mann so gesehen eine Art Fortsetzung der Kaufmanns-Idee auf künstlerischem Terrain. Und das hatte der talentierte Dominique inzwischen betreten. „Angefangen hatte ich mit Schülertheater. Als ich dann im KaDeWe Lehrling war, überredete mich ein Freund, am Casting für einen Fernsehfilm teilzunehmen. Man hat mich genommen“, erinnert sich der Schauspieler. „Eine Jugendliebe“ hieß sein erster Film.

Das war im Jahre 1977. Der Kaufmannslehrling fand Gefallen an der Schauspielerei. Zunächst ohne Schauspielschule, aber mit dem nötigen Talent ausgestattet, folgte 1978 für Dominique der Start als Filmschauspieler in dem Streifen „David“. Schließlich absolvierte er den Sprung auf die Bühne des damaligen Berliner Cabarets des Westens, und schon 1979 bekam er ein Engagement am Tübinger Zimmertheater, das damals einen legendären Ruf hatte und so etwas wie eine Talentschmiede war. Die ersten Stufen der Karriereleiter waren erklommen.

Dominique Horwitz währendes seines Brel-Programms im Berliner TIPI.

Immer mehr Film- und Bühnenregisseure wurden auf den jungen Mann mit den markanten Ohren aufmerksam. Seine Ausdruckskraft begeisterte ebenso wie seine Vielseitigkeit. Dominique Horwitz ist kein Schubladen-Schauspieler. Er hat sich nie auf einen Rolletyp festlegen lassen. Er war der Laertes im „Hamlet“, der Franz Moor in den „Räubern“, aber auch der Mackie Messer in der „Dreigroschenoper“ und der Satan in „The Black Rider“ von William Burroughs.

Der Schritt ins Fernsehen war dann eigentlich nur noch die konsequente Fortsetzung seines Weges. Hier spielte Horwitz u.a. einen Gefängnisinsassen in „Knastmusik“ und einen cleveren Verkäufer in „Der große Bellheim“. Mit Peter Striebeck stand er in dem Kiez-Zehnteiler „Große Freiheit“ vor der Kamera und mit Nina Hoger als Transsexueller in dem Film „Enthüllung einer Ehe“. Diese Rolle wurde 2001 als beste männliche Schauspielleistung in einem Fernsehfilm ausgezeichnet. Im Kino war er in den zeithistorischen Filmen „Stalingrad“ und „Bonhoeffer – die letzte Stufe“ zu sehen, aber auch in der Verwechslungskomödie „Frauen lügen nicht“.

Zu Horwitz’ Ausdrucksstärke trägt neben seinem mimischen Talent auch seine Stimme bei, die er so wandlungsfähig einsetzten kann, dass sie für die Interpretation anspruchsvoller Chansons geradezu prädestiniert ist. Hinzu kam, dass sich der Mime schon immer für das Werk des 1978 verstorbenen belgischen Chansonniers Jacques Brel interessiert hat. So stand Horwitz 1984 in München das erste Mal mit einem Brel-Abend auf der Bühne. Publikum und Kritiker waren begeistert.

Seither hat er seine Brel-Interpretationen mehr und mehr perfektioniert, was auch in seinem jüngsten Programm im Berliner TIPI am Kanzleramt deutlich wurde. Brels Lieder scheinen, als wären sie für Horwitz geschrieben. Jeder Song ist ein aufrührendes Theaterstück, eine Welt für sich. „Da schlüpft ein Großer in die Haut eines ganz Großen und bleibt doch er selbst“, urteilt das hauptstädtische Feuilleton. Warum er das kann? „Weil mich Jacques Brel immer schon fasziniert hat“, antwortet Horwitz. „Er war nicht nur ein scharfer Gesellschaftskritiker und Satiriker. Er war vor allem ein profunder Kenner der Menschen, ihrer Sehnsüchte, ihrer Ängste, ihrer Nöte. Das ist es, was mich seit nunmehr 30 Jahren immer wieder aufs Neue an seinen Liedern reizt.“ Mag sein, dass es auch ein Stück frankophone Seelenverwandschaft war, die Dominique Horwitz einst zu Jacques Brel geführt hat. Ein Zurück zu den Wurzeln der Kindheit in Paris. Und diese Wurzeln sind tief, was auch eine weitere Vorliebe des Künstlers belegt. Dominique Horwitz ist ein ausgesprochener Gourmet. Er isst nicht nur gern Gutes, sondern zelebriert auch selbst als Hobby Koch eine hohe kulinarische Kultur – so oft es sein enger Terminkalender erlaubt. Aber auch das ist für den Weltbürger eben nur eine Frage der Organisation…



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